Die neuen Leiden des jungen Pendlers

Was ist denn da los?

Ich bin Berufspendler zwischen Oberösterreich und Bayern. Seit einiger Zeit müssen wir uns von bayrischer Seite aus wöchentlich auf Corona testen lassen. Wir dürfen schon lange nicht mehr in Deutschland einkaufen, nur erschwert Freunde und Familie besuchen. Geschweige denn Freizeitaktivitäten wie Bergwandern im wunderschönen Berchtesgadener Land durchführen. Obwohl der Bezirk, in dem ich lebe, eine ähnliche Inzidenz aufweist, wie der Landkreis in dem ich arbeite – keine 2 km von der Grenze entfernt. Und obwohl bei meinem Arbeitgeber sehr strenge Hygienevorgaben gelten, die auch eingehalten werden.

Vor ein paar Tagen haben die Österreicher auch angefangen: wöchentliche Tests für Pendler und wöchentliche Registrierung. Von anderen Maßnahmen bezüglich Schule, „Öffnung“, usw. will ich gar nicht reden. Auch nicht vom Umgang mit Kritikern der Maßnahmen und Umgang der Menschen miteinander – Feindseligkeit zwischen Gegnern und Befürwortern der Maßnahmen oder Menschen, die ihre Nachbarn anzeigen, die sich nicht an Vorschriften halten. Und auch dem Umgang mit verschiedensten statistischen Werten. Da möge jeder selbst urteilen, was er glauben will oder nicht.

Langer Rede, kurzer Sinn: Mich macht das alles unglaublich wütend. Ich komm mir vor wie der Depp der Nation. Wieso müssen Grenzpendler den Kopf für alle hinhalten? Warum werden wir wie Menschen zweiter Klasse behandelt? Wo ist das vereinte Europa? Die Grenze gibt es in meinem Kopf und Herzen schon lange nicht mehr! Warum ändern sich ständig die Regeln zum Negativen für uns? Immer wenn man meint, es geht nicht schlimmer, dann wird noch ne Schippe drauf gelegt!

Denken

Dieses Denken nimmt mich sehr gefangen. Corona-Maßnahmen sind Thema zuhause – wir haben auch noch drei schulpflichtige Kinder; sind Thema in der Arbeit, auf dem Weg zu Arbeit, in der Freizeit. Das alles nimmt mich gefangen, raubt Zeit und Kraft, lenkt vom Wesentlichen ab. Obwohl ich das eigentlich gar nicht will und ich normalerweise ein recht ruhiger Mensch bin. Doch dann kommt wieder eine Nachricht und ich merke, wie es innerlich in mir regelrecht hochgekocht. Ich fühl mich extrem ungerecht behandelt – wie viele andere auch. Warum immer ich? Warum mich das so wütend macht? Keine Ahnung – ich bin immer noch auf der Suche nach dem Grund.

Was nun?

Tja, gute Frage. Ich finde an der Sache mehrere Aspekte.

Rational gesehen

Ich habe einen sicheren Job, mein Gehalt wird jeden Monat pünktlich ausbezahlt; ich bin nicht in Kurzarbeit. Meine Familie und ich sind gesund; keiner meiner Verwandten oder Freunde ist an Corona erkrankt oder gar daran gestorben. Ich sehe meine Freunde; finde – legale – Schlupflöcher meine Familie in Deutschland besuchen zu können. Was ich nicht im Laden vor Ort bekomme, kann ich einfach Online bestellen. Ich kann sogar Bergwandern gehen – zwar nicht im schönen Bayern, aber so habe ich das mindestens genauso schöne  Salzkammergut für mich entdeckt. Wenn ich so nachdenke: Ich habe eigentlich keinen Grund zu jammern! Andere Menschen leiden an Corona und sterben, verlieren ihr Leben oder bangen um ihre berufliche Existenz. Die Kohle reicht gut. Meine Frau ist zuhause und kann ohne Problem Heimunterricht machen (sie ist sogar Lehrerin von Beruf). So what? Anscheinend bin ich in der Hinsicht sehr egozentriert…

Dankbarkeit

Für all das Gute, für Gottes Gnade mit mir, sollte ich eigentlich dankbar sein. Stattdessen rege ich mich auf. Das erinnert mich an Jona, der sich über den vertrockneten Maulbeerbaum, der ihm Schatten spendete, aufregte – und keine paar Kilometer weiter sollte eine ganze Stadt – Ninive – wegen ihrer Sünden vom Erdboden getilgt werden. In dem Punkt bin ich anscheinend nicht sehr reif als Christ.

Geistliche Dimension

Für mich hat diese Geschichte nicht nur eine weltliche, menschliche Seite, sondern ebenso eine übernatürliche.

Erstens denke ich, dass der Widersacher Interesse hat, uns Menschen von den wichtigen Dingen abzulenken. Er will uns abhalten, unsere Zeit und Kraft für Gott einzusetzen – zum Beispiel für diese Homepage Beiträge schreiben mit Wut und Zorn im Herzen funktioniert nicht! Ich glaube diese Gedanken sind Anfechtungen.

Zweitens denke ich, dass mich Gott formen möchte – wunde Punkte bei mir aufzeigt, damit ich mich weiterentwickeln kann. Und das Schlucken von manchen (gefühlten) Ungerechtigkeiten des Staats mir gegenüber gehört möglicherweise dazu. Jesus sagt selbst (Matthäus 5,39ff): Halte die andere Wange hin, gehe die zweite Meile, gib deinen Mantel! Vermutlich dient die ganze Situation zur geistlichen Reife: Gnade, Liebe, Demut, Vertrauen, „Feindesliebe“, Vergebungsbereitschaft, usw. lernen.

Drittens: Wie muss sich Jesus, als auf Ihn am Kreuz alle Ungerechtigkeit der Welt, jede Sünde, jedes Leiden abgeladen wurde – und Er war zu 100% unschuldig (was ich von mir nicht direkt behaupten kann). Oder allein, was andere Christen weltweit wegen ihres Glaubens erleiden müssen (Verfolgt) – dann ist das Jammern von meiner Seite aus eigentlich ein Kleinmachen der Tat Jesu am Kreuz und ein Relativieren des echten Leidens anderer Christen. Starker Tobak…

Der Weg

Ich weiß nicht, ob Dir`s ähnlich geht – wenn ja, dann beten wir doch für mehr Gelassenheit, Reife und Fokussierung auf das Wesentliche, ziehen die geistliche Waffenrüstung an, um uns vor Anfechtungen zu schützen und für Frieden in unseren Seelen; dafür, dass Gott uns zeigt, was Er uns in diesem Punkt beibringen möchte. Und segnen unsere Politiker – denn genau das sollen wir tun!

Danke für’s Lesen. Ich hoffe, ich konnte Dir weiterhelfen!

Gottes Segen!

Man muss sich durch die kleinen Gedanken, die einen ärgern, immer wieder durchfinden zu den großen Gedanken, die einen stärken.

Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945), deutscher Theologe und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

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